Starke Besatzer – starke Wirtschaft?

Titelbild von: DavidRumsey.com

Ehemalige Kolonien welcher Kolonialmacht haben heutzutage wirtschaftlich den größten Erfolg? Ergeben sich Zusammenhänge aus früherer Kolonialisierung und Wirtschaft der Gegenwart?

Wie soeben festgestellt, sieht die Tabelle der Länder Afrikas mit dem höchsten BIP pro Kopf anders aus, als man wohl erwartet hätte. Spitzenreiter Gabun liegt klar vor Lybien und Südafrika auf den Rängen zwei und drei.

Es folgt die Untersuchung, welche der zwanzig betrachteten Länder auf der Rangliste ehemalige Kolonien sind (Tipp: Da Äthiopien das einzige nicht kolonialisierte Land Afrikas ist, ist dies leicht zu klären) und von welcher Kolonialmacht sie besetzt wurden. Insgesamt besetzten sieben europäische Nationen (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Portugal, Spanien, Belgien) im Laufe ihrer Geschichte Gebiete Afrikas, die als heutige Nationen in der Tabelle enthalten sind.

Recherche (zum Beispiel über diese Liste) und eingängige Prüfung ergeben folgende Aufstellung der Kolonialmächte inklusive des jeweiligen Zeitraumes der Kolonialisierung:

kolonialbip.png
Daten gemäß http://www.historyworld.net/wrldhis/listhistories1.asp?gtrack=mtop1

Aus dieser Übersicht ist erkennbar, dass unter diesen zwanzig Ländern Großbritannien und Frankreich am stärksten vertreten sind. Auffällig ist hierbei, dass von den ersten sieben Plätzen ganze vier durch Frankreich kolonialisiert wurden, unter den ersten 12 immerhin fünf durch Großbritannien.

Scheinbar lässt sich bereits eine Tendenz ableiten, dass Frankreich heute wirtschaftlich starke Länder kolonialisierte und möglicherweise sogar den heutigen Wohlstand förderte. Tatsächlich ist an dieser Übersicht jedoch nichts weiter abzulesen, als dass Frankreich und Großbritannien tatsächlich einfach die Länder mit den meisten Kolonien waren und daher schon die Wahrscheinlichkeit, in einer Aufzählung ehemaliger Kolonien Afrikas aufzutauchen, ungleich größer ist, als bei anderen Kolonialmächten.

Die Tatsache, dass Frankreich vier der ersten sieben Ränge vertritt, verliert an Bedeutung, wenn man den Maßstab ändert: Vier französische Kolonien gegenüber einer britischen Kolonie unter den ersten sieben Rängen klingt besonders –  5,5* französische Kolonien gegenüber 8,5* britischen Kolonien unter den 20 Rängen klingt deutlich weniger eindrucksvoll (*siehe Kamerun).  Dass vier der nach BIP höchstplatzierten Länder früher französisch besetzt/kolonialisert waren, lässt auch keinerlei Rückschluss auf Ursachen oder Entwicklung wirtschaftlichen Erfolges zu.

Weiterhin lässt sich an bloßen Daten zur Wirtschaftsleistung von 2014 und 2015 noch kein Zusammenhang zu einer Kolonialisierung herstellen. Die obige Tabelle dient somit letztlich (leider) lediglich der Darstellung der Wirtschaftsdaten und einer früheren kolonialen Besetzung, um Äthiopien im Kontext der Kolonialisierung statistisch zu positionieren.

Nur am Rande: Gerade Frankreich immer wieder durch Ausbeutung und Oppression seiner ehemaligen Kolonien in einschlägigen Beiträgen auf. Auch diese sind mit Vorsicht zu genießen und zu hinterfragen, doch bieten Diskussionen in (semi-wissenschaftlichen) Foren mit Fragestellungen wie „Why are the former French colonies comparatively much more unstable than the British ones?“ durchaus Nährboden für weitere Untersuchungen. Für Großbritannien findet sich dort übrigens eine interessante Diskussion mit dem Titel „Why do the former colonies of Britain tend to be wealthier overall than the former colonies of France, the Netherlands, Spain, or Portugal?„, welche ebenfalls Ausgangspunkt spannender Nachforschungen sein kann. – Tobias Dierke

Erst eine genaue Analyse der Wirtschafts- und Kolonialgeschichte der Länder kann eventuelle Zusammenhänge zwischen heutigem wirtschaftlichen Erfolg und früherem wirtschaftlichen Aufbau durch eine Kolonialmacht in einer Kolonie während der Besetzungszeit offenbaren. Eine eingangs erwähnte Aufstellung der Kolonialmächte, die tatsächlich am meisten zum wirtschaftlichen Aufbau ihrer Kolonien beitrugen (oder möglicherweise nur am wenigsten zu deren Zerfall), kann daher nur erfolgen, wenn tatsächlich alle ehemaligen Kolonien der jeweiligen Kolonialmächte genau untersucht werden, um Gemeinsamkeiten und Tendenzen festzustellen.

Für diese Arbeit relevant ist die Tatsache, dass es zwar zahlreiche wirtschaftlich erfolgreichere Länder als Äthiopien gibt – jedoch auch deutlich weniger erfolgreiche. Kolonialisierung oder gerade Nicht-Kolonialisierung kann somit sicher für einen nationalen Gedanken relevant sein – für wirtschaftliche Zusammenhänge auf ganz Afrika gesehen jedoch eher nicht.

Ein Vergleich Äthiopiens und seiner Wirtschaft sollte daher gerade nicht gegenüber ehemaligen Kolonien stattfinden, sondern wie bei jeder Industrienation mit tatsächlich vergleichbaren Ländern, wie zum Beispiel Nachbarstaaten. Lesen Sie, wie Kenia im wirtschaftlichen Vergleich zu Äthiopien abschneidet.

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