Kenia, ehemals britische Kolonie

Titelbild: Tabea Lessing

Welchen Einfluss hatte die Vergangenheit des East Africa Protectorate auf das heutige Kenia und wie wickelte sich die Ökonomie diese Landes, das fast siebzig Jahre lang unter dem Einfluss Großbritanniens stand?

Das East Africa Protectorate war ab 1895 ein britisches Schutzgebiet, das größtenteils auf dem Areal des heutigen Kenia lag. Es bestand bis 1920, als es zur Kronkolonie Kenia umfunktioniert wurde, bis das Land 43 Jahre später die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich erreichte („Jamhuri Day“ am 12. Dezember). Kenias heutige Staatsform ist die einer Präsidialrepublik (im Commonwealth) mit einem Staatspräsident, der gleichzeitig Oberkommandierender der Streitkräfte ist.

Wir wählten dieses ostafrikanische Land, um einen spezifischen Eindruck in die Auswirkungen der britische Kolonialmacht auf die heutige Situation des Staates zu bekommen. Dabei suchten wir uns Kenia mit dem Hintergedanken aus, dass es annähernd vergleichbar mit dem nördlichen Nachbarland Äthiopien ist, welches aber nahezu keine Kolonialerfahrung hat. Geografische und klimatische Bedingungen sind ähnlich, allerdings hat Kenia knapp 40 Millionen Einwohner und ist halb so groß wie Äthiopien, Äthiopien wiederum ist rund dreimal so groß wie Deutschland und hat knapp 100 Millionen Einwohner. Beide Länder liegen in der gleichen Zeitzone und haben ähnliche Trocken- und Regenzeiten.

Kenia war lange Zeit in der Hand der Briten und konnte sich erst 1963 endgültig von seiner Kolonialisierung befreien, nach dem es über 10 Jahre mehrere Aufstände durchlitt. 1957 fanden die ersten Wahlen statt, die Kenya African National Union bildete die erste Regierung und führte das Land in die Unabhängigkeit. Gleich darauf bildete sich ein Einparteiensystem unter dem Präsidenten Jomo Kenyatta.

Kenias Volkswirtschaft ist die leistungsfähigste in der East African Community mit einem BIP von 61,405 Mrd US-$. Im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten ist Kenias Bruttosozialprodukt überdurchschnittlich gewachsen, allerdings stieg auch die Bevölkerungszahl, weswegen sich dies nicht in einer wesentlichen Verbesserung des Lebensstandards niederschlagen konnte (CIA). Die Staatsverschuldung lag 2015 bei rund 58,90 Prozent vom BIP, die Auslandsverschuldung bei 17,2 Milliarden US-Dollar und sie wächst weiter.

Kenia hat eine liberale Wirtschaftsordnung mit relativ gut entwickeltem Privatsektor. Es kann wegen seiner guten strategischen Lage auch für Binnenstaaten wie Uganda und Südsudan den Eingangshafen Mombasa bieten. Zurzeit liegt das Wirtschaftswachstum relativ konstant bei 5 bis 6 Prozent, die Regierung strebt aber mit Blick auf das Bevölkerungswachstum eine zweistellige Zahl an. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen sind weitere Strukturreformen erforderlich, ebenso konsequente Maßnahmen gegen Korruption, gegen mangelhaften Zugang zu Krediten, gegen Kriminalität, unzureichende Infrastruktur, hohe offizielle Steuern und ineffiziente Bürokratie. Denn noch immer leben etwa 50 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze und ein Viertel der Kenianer muss mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen.

Investitionen im Vergleich zu Äthiopien

Im neuesten Ease of Doing Business Ranking 2016 der Weltbank konnte sich Kenia deutlich auf Platz 108 (von 189 Plätzen) verbessern, weil es einfacher geworden ist, ein Unternehmen zu gründen und Eigentum zu registrieren. Interessanterweise prognostizierte der International Monetary Fund (IMF) allerdings einen Wachstums des Bruttoinlandsprodukts von Äthiopien von 61,62 Mrd.US-$ in 2015 auf 69,21 Mrd. im laufenden Jahr 2016. Im gleichen Zeitraum sollte Kenias BIP von 63,39 US-$ Mrd. auf  69,17 Mrd. erhöht werden. Damit hätte die Wirtschaft Äthiopiens die von Kenia überholt. Die aw (Zeitschrift afrika wirtschaft14.11.2016) berichtet von einem „regelmäßigen Wachstum der äthiopischen Wirtschaft in zweistelligem Wert [seit 2005 in Addis Abeba], im Durchschnitt etwa 10,8%“. Große Investitionsprojekte in die Infrastruktur und Industrie, sowie niedrige Produktionskosten und im Überfluss verfügbares Bauland lassen die sonst schlechten Rahmenbedingung des Landes, wie zähe bürokratische Prozesse und ein nicht ausreichend entwickeltes Rechtssystem, in den Hintergrund rücken. Türkische und chinesische Unternehmen leiten Projekte im Textil-, Bekleidungs- und Ledersektor,  und in der Fertigung von Konsumgütern (GTAI, 06.07.2015).

Die äthiopische Regierung plant ausländischen Investoren billiges Land für Agrarvorhaben zu verkaufen, um dort Nahrungsmittel für den Export anzubauen und die Landwirtschaft zu kommerzialisieren, Arbeitsplätze zu schaffen und Devisen zu verdienen. Allerdings gab es einige Rückschläge bezüglich der infrastrukturellen Herausforderungen, der Bodenbeschaffenheit, Regen- und Trockenperioden und Konflikten wegen Zwangsumsiedlungen.

Kenia betreibt eine „Strategie einer an ökonomischen Zielen ausgerichteten Diplomatie der Intensivierung der regionalen Integration, sowie die Positionierung Kenias als Standort für Direktinvestitionen“(liportal).

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Tabelle über Germany Trade & Invest

Das Land ist die größte Volkswirtschaft Ostafrikas und gilt bei der Weltbank als „lower middle income state“ (Land mit niedrigem mittlerem Einkommen). Direktinvestitionen sollten also grundsätzlich kein so hohes Risiko beinhalten wie in Äthiopien. Vor allem China investierte in Kenia schon seit der Jahrtausendwende im Bereich Bau und Verbrauchsgüterimport, was der kenianischen Handelsbilanz allerdings eher schadete.

Neben auffälligen Begünstigungen für chinesische Auftragnehmer wurden auch gefälschte Importprodukte aus China moniert, sowie deren mangelnde Qualität. Das Handelsbilanzdefizit wächst weiter – auch wenn durch relativ hohe Export- und Steuereinnahmen das Land seine Kredite tilgen kann – und das Staatsbudget wird zu etwa 15 Prozent von internationalen Gebern finanziert, das sogenannte Entwicklungsbudget für langfristige Investitionen zu bis zu 40 Prozent (bmz).

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Brückenbau bei Arba Minch, Südäthiopien (Foto: Tabea Lessing)

Der bemerkenswerte Punkt ist hier also, dass es all diese Projekte in Äthiopien gibt und nicht in zum Beispiel Kenia, obwohl Äthiopien im Vergleich zu Kenia in den einschlägigen internationalen Ranglisten eher schlechte Plätze bekleidet. Das WEF schätzte Äthiopien im letzten „Global Competitiveness Index“ für 2014/15 auf dem 118. Platz (von 144 bewerteten Ländern; Vorjahr: Rang 117) ein und kritisierte einen unzureichenden Eigentumsschutz, Korruptionsprobleme, eine ineffiziente Verwaltung sowie die Bereitschaft zu zeitgemäßer Technik (technological readiness) sehr gering. Kenia erreichte dagegen Platz 90, mit einem wesentlich besserem Ranking in Infrastruktur und einem deutlich höheren ‚Innovation and sophistication factor‘. Auch im „2014 Index of Economic Freedom“ der World Heritage Foundation erreicht Äthiopien nur den 151. von 178 Rängen (Kenia den 111.), und in der Gruppe der „weitgehend unfreien Länder“besetzte Äthiopien den letzten Platz. Hohe Subventionen für staatliche Projekte würden das Wachstum des Privatsektors behindern und private Banken würden gezwungen sein, staatliche Schuldverschreibungen zu kaufen; Ausländer dürften sich am Bankensektor nicht beteiligen.

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Kinder bei Arba Minch, Südäthiopien (Foto: Tabea Lessing)

Den Grund dafür zu finden, warum trotzdem mehr ausländische Investitionen in Äthiopien Fuß fassen als in Kenia, soll in einer anderen Forschung analysiert werden. Ob es an dem Stolz der äthiopische  Bevölkerung auf ihre Geschichte ist, die auch über die Grenzen des Landes hinausstahlt? Lesen Sie dazu den Beitrag über Äthiopien.

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