Das stolze Äthiopien

Titelbild: Tabea Lessing

Wie entwickelte sich die Ökonomie eines Landes, das nahezu nicht kolonisiert wurde? Gibt es nur Vorteile? Oder auch Nachteile? Wie denken die Äthiopier darüber?

Äthiopien gilt als das einzige Land Afrikas ohne eine nachhaltige europäische Kolonialherrschaft. In der Schlacht von Adua (1896 unter Kaiser Menelik II) trug das Kaiserreich Abessinien einen Sieg gegen das damals faschistische Königreich Italien davon, welcher bis heute als wichtigster Sieg einer afrikanischen gegen eine europäische Armee bezeichnet wird. Abgesehen von einer fünfjährigen italienischen Besatzung blieb Äthiopien ein unabhängiger Staat zwischen dem restlichen kolonialisierten Afrika.

In der Folgezeit wurde dieser Sieg gegen die überlegenen, modernen Waffen der italienischen Armee fester Bestandteil des äthiopischen Nationalbewusstseins. Dieser Umstand und die bis ins 9. Jahrhundert zurückreichenden Geschichte Äthiopiens verschafft der äthiopischen Bevölkerung einen über alle ethnischen Gruppen hinweg reichenden nationalen Stolz.

Abel Teklu:Version 2

„Even though Ethiopia was never colonised, there was a five year period were Italy was settling in Ethiopia fighting to take it as a colony. I’m not sure if that is colonisation or not, and my opinion is, that if u can see any country that was once colonised, the people and the way they see the world is shifted to a degree that their self worth, value system, way of life, self-respect, and most of all their assurance of they being able to do what ever they set their minds, is crushed or is very low. That they think they are nothing without their „Masters, owners, colonisers“, which is only created because in the time that they were supposed to grow and find their own way of development and their own way of life, they were under command of others telling them what to do and introducing them to things they were not even ready to comprehend. So what i’m saying is, that their root personality as a nation is always distorted or even worse destroyed, which results in the lose of identity!!“

Version 2

Yohannes Alemu:

„You know in Ethiopia the one benefit that we had by not being colonised is only proud, but in economically and urban structure we become less. 
Do you know that the projects that have been worked kind of road, buildings are still best during the time Italy was working in peace of with us in those 5 years. 
So i think if we were colonised maybe we will be in a better situation in Ethiopia. But still i enjoy our proud.“

Trotz dieser stolzen äthiopischen Geschichte könnte es also auch einige Nachteile für die Entwicklung des Landes geben. Es ist eines der ärmsten der Welt mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 570 US-Dollar im Jahr (2014, GTaI) und ein signifikanter Teil der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze. Äthiopien besetzt im Human Development Index (UNDP) von 2015 den 173. Platz von 186 Ländern.

Welche Ursachen kann es dafür geben?

Politische und historische Gründe

Kaiser Haile Selassie begann nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise mit einer Modernisierung des Landes. Der Kaiser und die konstitutionelle Monarchie wurden allerdings 1974 wieder gestürzt und ein vom Ostblock unterstütztes kommunistisches Regime, ein Militärverwaltungsrat namens Derg übernahm die Macht. Mit sowjetischer Hilfe wurde das ehemalige Kaiserreich nun zur sozialistischen Volksrepublik umgebaut.

1991 wurde dieses monoparlamentarische Äthiopien, das Jahre lang politische Gegner und religiöse Gemeinschaften verfolgt hatte, von den nach Ethnien getrennten Rebellengruppen EPRDF, TPLF und EPLF in einen Bürgerkrieg gestürzt. Die EPRDF (Ethiopian Peoples’ Revolutionary Democratic Front) setzte sich als Regierungspartei durch und gründete eine föderale Republik. Dieses autoritäre System besteht noch heute, wobei die letzten Parlamentswahlen 2010 stattfanden. Das Regierungsbündnis EPRDF erhielt zusammen mit den regionalen Regierungsparteien insgesamt 99,6 %. Die Opposition unter der Parteienkoalition Forum für Demokratischen Dialog (Medrek) erhielt lediglich einen Sitz im Volksrepräsentantenhaus, während unabhängige Kandidaten ebenfalls nur einen Sitz erhalten konnten. Anlässlich des von der Opposition vorgeworfenen Wahlbetrugs wurde die EPRDF bezichtigt, dass sie autoritär regiere und die Opposition unterdrücke.

Demographische Fakten

102 Millionen äthiopische Einwohner aus mehr als 80 verschiedenen ethnischen Gruppen leben in einem flächenmäßig dreimal so großen Land wie Deutschland. Zwischen den verschiedenen Ethnien herrschen immer wieder bewaffnete Konflikte um Landnutzungsrechte und andere rechtliche Streitigkeiten, denn durch den Bürgerkrieg sind Schusswaffen im ganzen Land weit verbreitet. Falls das rasche Bevölkerungs-wachstum in Äthiopien konstant bei den aktuellen 2,9 Prozent (2014) bleibt, wird sich die äthiopische Bevölkerung in knapp 30 jähren verdoppeln. Eine schnell steigende Lebenserwartung bei gleichzeitiger hoher Fertilität (5,5 Kinder pro Frau) verhindert den notwendigen demographischen Übergang sowie die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Im Zeitraum 2000-2007 waren etwa 65 Prozent der Erwachsenen Analphabeten, davon mehr Frauen als Männer. Es existiert zwar eine offizielle Schulpflicht, diese wird aber nicht konsequent eingehalten.

Nach Nigeria beherbergt Äthiopien die zweitgrößte Bevölkerung des Kontinents und 2050 würde das Land zu den zehn bevölkerungsreichsten Staaten der Welt gehören.

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Wirtschaftliche und strukturelle Gründe

Äthiopien gehört auch im Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern  zu den ärmsten der Welt. Etwa 10 bis 25 Prozent des jährlichen Nahrungsmittelbedarfs wird ganzjährig durch internationale Hilfe gewährleistet. Dauerhafte Nahrungsknappheit und Existenzdrohungen können auch bei „guten“ Erntejahren nur mit externer Unterstützung wie Nahrungsmittelhilfe und Landwirtschafts- und Sozialprogrammen bekämpft werden.

Das rasche Bevölkerungswachstum, der Mangel an Ressourcen, fortschreitende Bodenerosion, Entwaldung (zwischen 1960 und 2012 von 37 % auf 3 % Waldfläche) und daraus folgende Überschwemmungen bleiben weiterhin ungelöste Probleme in Äthiopien. Ernteausfälle seit Beginn des Jahres 2015 durch ausbleibende Regenfälle leisten dabei ihren Anteil an der allgegenwärtigen Nahrungsmittelknappheit. Dabei verfügt Äthiopien eigentlich über die größten Wasservorkommen in Ostafrika. In dem Binnenstaat durchqueren vierzehn große Flüsse, darunter der Blaue Nil, das Land. Leider wird nur ein Bruchteil dieser Ressourcen genutzt.

Vieh nördlich von Addis Abeba (Foto: Tabea Lessing)
Vieh nördlich von Addis Abeba (Foto: Tabea Lessing)

Äthiopien ist traditionell ein Land der Landwirtschaft und Viehzucht, des Wanderfeldbaus und der Subsistenzwirtschaft. Dies verändert sich nur sehr langsam, sodass die Sicherheit der Lebensmittelversorgung von der Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Produktion, vor allem der des Kaffees als Hauptexportgut, abhängt.

Nahrungsmittelhilfen aus inländischen Überschussgebieten können wegen der mangelhaften Infrastruktur nur schwer in problematische Gebiete transportiert werden. Äthiopien versucht die daraus entstehende Abhängigkeit von auswärtiger Hilfe und ihre problematischen Folgen zukünftig durch langfristige Entwicklungsstrategien und internationale Hilfsorganisationen weit möglichst zu begrenzen.

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Dorfbewohnerin bei Arba Minch (Foto: Tabea Lessing)

Wirtschaftsentwicklung und Wachstumskurse

Insgesamt liegt das äthiopische Wirtschaftswachstum trotzdem noch immer weit über dem regionalen und internationalen Durchschnitt. Die Wirtschaft des Landes zählt zu den fünf am schnellsten wachsenden der Welt, wodurch die Armutsrate in den letzten Jahren um mehr als 10 Prozent sank (Weltbank im Dezember 2012). Die Inflationsrate und die Staatsverschuldung sind allerdings sehr hoch. In den nächsten Jahren wird sich herausstellen, ob die großen Investitionen Äthiopiens in die Infrastruktur den Herausforderungen der Wirtschaftsentwicklung zugute kommen werden.

Im Rahmen des 2010 verabschiedeten Growth and Transformation Plan (GTP) verfolgt die äthiopische Regierung einen staatsgelenkten Wachstumskurs, der das Land bis 2025 zu einem „middle-income country“ machen soll. Allerdings ist dieser durch starken Devisenmangel jetzt schon gefährdet und finanzielle sowie strukturelle Probleme der äthiopischen Wirtschaft bleiben bestehen.

Die äthiopische Regierung bezeichnet ihre aktuelle Wirtschaftsordnung zwar als marktwirtschaftlich, aber hält eine vollständige Liberalisierung für zu verfrüht, sodass weiterhin staatliche Monopole (u.a. Luftverkehr, Telekommunikation, Energieversorgung), parteinahe Unternehmensgruppen und eine kontrollierende Bürokratie den wirtschaftlichen Einfluss beherrschen.

Äthiopien hat nach dem Fall des Derg-Regimes 1991 einen langen Weg der Umstellung von einer marxistischen Planwirtschaft zu einem offeneren Wirtschaftssystem hinter sich. Eine Reihe von Reformen, wie die Privatisierung, die Freigabe der Preise oder die Zulassung von Privatunternehmen auch im Banken- und Versicherungssektor (allerdings nur in äthiopischem Besitz) stellten dabei Schritte nach vorne dar.

Lesen Sie zur aktuellen Wirtschaftsentwicklung auch den Artikel über Kenias Investitions-politik im Vergleich zu Äthiopien.

Äthiopien aktuell

Seit Herbst 2015 gibt es immer wieder gewaltsame Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und Protestierenden, die sich unter anderem am „Stadtentwicklungsplan Addis Abeba“ entzündet haben. Mittlerweile befürchten nicht nur die Oromos weitere Landnahmen ohne ausreichende Entschädigungen, sondern seit Sommer 2016 ist auch die Region der Amharen betroffen.

Am 8. Oktober 2016 verhängte die äthiopische Regierung wenige Tage vor dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Addis Abeba den Ausnahmezustand („Restrictions under State of Emergency“) und untersagte damit jegliche Protestaktivitäten. Das Mobilfunknetz, der Zugriff auf soziale Netzwerke und das Versenden von E-Mails waren mehrere Wochen eingeschränkt. Straßensperren, Randale und Plünderung von verschiedenen, auch ausländischen Unternehmen, waren keine Seltenheit.

Prohibited Activities:

„….. agitation and communication that could incite violance: printing and importing or sending out any publication without former approval, the exchange of messages via Internet, mobile, text, social media and radio“ (Art. 1)

„being absent from work“, „Strikes in Educational institutions“ or „Sport facilities“, „blocking roads“, „causing damage to Infrastructure and Religious Institutions“, „chanting slogans unrelated to the celebrated holiday“, „sermons and teachings in religious institutions to induce fear or incite conflicts“, „wearing unauthorized uniforms“ […are prohibited] (Art. 3 – 12)

„Any speech that could incite attacs based on ethnicity“, „any exchange of information or contact by any individual with foreign governments or NGOs that undermine national sovereignty“, „briefing local or foreign journalists in a manner that is undermining security“ (Art. 13 – 16)

„Consequences for violations: individuals may be arrested without a court order and may be held at a location determined by the police up to the end of the State of Emergency“, „Law enforcement bodies or the police may censor any message transmitted by radio, television, video, text, image, theater, or film that violates the prohibitions“, „authorities may take other relevant measures“ (Art. 28 – 30)

In den Grenzgebieten des Landes gibt es immer wieder militärische Zwischenfälle. Im Osten des Landes (Ogaden) führt die äthiopische Regierung Widerstand gegen die Mitglieder der ONLF in der Somali Region, dort leitet auch die islamistische Terror-organisation al-Shabaab grenzüberschreitende Truppenbewegungen. Überfälle auf Dörfer, Kinderentführungen und Racheakte auf Hilfsorganisationen begründen die Hinweise des Auswärtigen Amts, die Randgebiete zum Sudan, Eritrea und Somalia zu meiden.

Erst nach einer hohen Präsenz der Regierungstruppen und Sicherheitskräfte in Folge des Ausnahmezustands hatte sich die Lage teilweise beruhigt. Doch ebenfalls durch diesen Ausnahmezustand konnte die Regierung einige signifikante Gesetze verwenden, die die fast den westlichen Standards entsprechende Verfassung beeinträchtigt. Genannt werden muss das sogenannte NGO-Gesetz, dass die Arbeit von ausländischen Organisationen in bestimmten Problembereichen Äthiopiens nahezu verhindert sowie das Anti-Terror-Gesetz, welches eingesetzt wurde, da „die aktuelle Gesetzeslage nicht ausreichend ist, um das Land vor Terrorismus zu schützen […] und des Terrors verdächtige Personen und Organisationen zur Rechenschaft zu ziehen“.

Allerdings ist die Definition von „Terror“ sehr unscharf, sodass der Regierung auf diesem Wege jeglicher rechtlicher Spielraum zur Bekämpfung der Opposition gewehrt ist. Der Verdacht allein genügt, Inhaftierungen vorzunehmen und hohe Freiheitsstrafen (bis hin zur Todesstrafe) zu verhängen. Wer mit „Terroristen“ in Kontakt steht, ist selbst oft der Mittäterschaft schuldig (z.B. Journalisten).

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Äthiopischer Polizist behindert einen Foto-Journalisten bei der Arbeit. Laut internationalen Nichtregierungsorganisationen kommt es regelmäßig zu Menschenrechtsverletzungen. (Foto: picture-alliance/AP über BPP)

Die jüngsten Entwicklungen im Land geben wenig Hoffnung, dass die Gesetze des Ausnahmezustands nicht auch weiterhin gegen oppositionelle Äußerungen zum Einsatz kommen und die Menschenrechte dramatisch missachten.

Auch die wirtschaftliche Entwicklung leidet unter der politisch unsicheren Situation. Lesen Sie im abschließenden Beitrag, wie Äthiopien sich in der Zukunft schlagen wird: Wohin geht die afrikanische Wirtschaft?

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Kleinstadt in Äthiopien (Foto: Tabea Lessing)
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