Die Moral von der Geschicht’… – Ein Ausblick

Titelbild: kevjersey über africanphotos

Wie kann Äthiopien sich in der Zukunft entwickeln? Welche Lösungsansätze gibt es und welche Probleme müssen bewältigt werden?

Zum Abschluss wollen wir unsere persönliche Einschätzung des weiteren Weges Äthiopiens in Form eines gemeinsam verfassten Ausblicks bieten und aufzeigen, wie sich das Land unserer Meinung nach weiter entwickeln wird und was getan werden muss, um der Bevölkerung und der Wirtschaft Aufschwung zu bieten.

1. Welchen Hauptproblemen muss sich Äthiopien stellen und wie beeinflussen diese die wirtschaftliche Zukunft des Landes? Welchen Ansatz gibt es und wie realistisch ist eine Lösung?

Tobias Dierke: Ich denke, dass die Korruption nach wie vor das größte Problem Äthiopiens (wie auch anderer afrikanischer Länder) ist, noch vor Hunger und Armut. Nur durch Eindämmung der Korruption besteht überhaupt die Chance, dass die staatlichen Gelder, die ausländischen Direktinvestitionen und besonders die internationale Entwicklungshilfe endlich bei der Bevölkerung ankommt und nicht in den Mühlen der Demokratie versiegt. Bisher kommen nur Bruchteile ausländischer Gelder tatsächlich bei Projekten zum Aufbau von Infrastruktur, Landwirtschaft und Sozialwesen an. Diese werden zudem meist schlecht verwaltet oder gar von behördlicher Seite an ihrer Arbeit behindert. Erst durch eine Bekämpfung der Korruption (was vermutlich erst durch massive politische Umbrüche, d.h. im schlimmsten Fall Revolution möglich werden wird) kann überhaupt „vernünftige“ Arbeit beginnen. Die Investitionen sind da, Hilfsgelder sind da, ausreichend Menschen sind da. Dass alles zusammenkommt und die Ressourcen und Potentiale des Landes genutzt werden, hängt an einer sauberen, transparenten, effizienten und [im besten Falle] demokratisch gewählten Regierung und Verwaltung. Leider ist dies nicht realistisch. Politische Änderungen sind in naher wie ferner Zukunft derzeit nicht zu erwarten, sodass Hilfsgelder, ausländische Investitionen und innere Bestrebungen weiterhin nur Tropfen auf dem heißen Stein sein können – was deren Wichtigkeit in Anbetracht der aktuellen Versorgungslage jedoch nicht mindert.

Tabea Lessing: Korruption ist definitiv ein großes Problem, aber der Grundstein für eine funktionierende Wirtschaft in Äthiopien ist in erster Linie die sektorale Umstrukturierung des Landes: Die immer noch vorherrschende Subsistenzwirtschaft (Landwirtschaft ausschließlich für den eigenen Verbrauch und nicht für den Handel) führt dazu, dass das Land kaum über Nahrungsvorräte verfügt. In lange andauernden  Dürreperioden, die man nun mal nicht verhindern kann, hat dies dramatische Folgen. Die Existenzsicherung der Menschen hängt stark von ausreichenden Regenfällen und fruchtbarem Boden ab. Durch Ernteausfälle wird dann die komplette Versorgung gestört. Auch kann das Wachstum der Ernteerträge kaum mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten, sodass bis zu sieben Millionen Menschen von Unterernährung bedroht sind.
Die zur Verfügung stehenden Wasserressourcen und Millionen Hektar Gras- und Waldland, fruchtbare Böden und in vielen Teilen des Landes ein Klima, das mehrere Erntezyklen im Jahr ermöglicht, könnten entsprechender Speicherung der Nahrungsmittel in Reserven helfen, schlechte Erntezeiten ohne Nahrungsmittelknappheit zu überbrücken.
Hauptschwierigkeit ist die geeignete Nutzung der Flächen, die organisierte Bewirtschaft, anschließende Speicherung und Verteilung der Nahrungsmittel, d.h das Fehlen eines gesamtheitlichen Versorgungsprozesses. Die äthiopische Regierung zeigt jedoch nur ein geringes Interesse an einer grundlegenden Landwirtschaftsreform.

2. Welche weiteren Entwicklungsmöglichkeiten gibt es in Äthiopien und welche Chancen bietet das Land?

Tabea Lessing: Äthiopien ist ein Land mit einer Altersstruktur, von der wir hier in Deutschland nur träumen können: Mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung sind zwischen 0 und 14 Jahre alt – in Deutschland sind es gerade mal zehn Prozent. Die vielen jungen Menschen sehnen sich nach einer funktionierenden Volkswirtschaft und einer besseren Zukunft. Sie sind stolz, sie sind motiviert und sie brauchen vor allem viel, viel Arbeit. Zusätzlich ist es aber auch eine große Herausforderung für die Regierung, genug Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen und aufzuklären, dass handwerkliche Berufe den gleichen „Wert“ haben, wie Agrararbeit, auch wenn sie keine reinen Lebensmittel herstellen. Der sekundäre Sektor könnte damit tiefgründig ausgebaut werden.
In Äthiopien gibt es viel Landfläche, die vor allem durch die extrem hohe Lage des Landes von über 2000m über dem Meeresspiegel, viel fruchtbarer ist als man ahnt. Zurzeit werden die erwirtschafteten Nahrungsmittel zuallererst verwendet, um die Hauptstadt Addis Abeba zu versorgen. Das Umland wird kaum beliefert, was durchaus auch in der mangelnden Infrastruktur begründet ist – auch hier könnten zahlreiche Arbeitsstellen durch den Ausbau mit staatlichen Aufträgen entstehen.

Der tertiäre Sektor könnte von einer liberaleren Politik und dem Ausbau als weltoffenen Tourismusstandort profitieren. Die Positionierung von Addis Abbeba als „Brüssel Afrikas“ mit einem großen, internationalen Verkehrsflughafen könnte Ausgangspunkt von Äthiopien- und Afrikareisen sein; durch den Fokus auf bestimmte Gäste könnte sich Äthiopien von anderen Staaten abheben – auch ohne Küste.

Tobias Dierke: Im primären Sektor müssen weiterhin die Bodenschätze Äthiopiens genannt werden. Bekannt sind große Marmorvorkommen im Land, weitere Bodenschätze wie Kupfer, Mangan, Nickel wurden ebenfalls entdeckt – allerdings ist der äthiopische Boden nur in geringstem Maße erforscht und der Abbau erfolgt bisher nur im Kleinstabbau. Dieses Potential bleibt in Äthiopien ungenutzt. Zusätzlich ist der Dienstleistungssektor wenig ausgebaut. Wäre da nicht die schwierige Rechtslage, die Korruption und die behördliche Willkür, es könnten in Äthiopien zahlreiche großartige Unternehmungen durchgeführt werden und eine florierende Wirtschaft basierend auf Bodenschätzen, organisierter und nachhaltiger Landwirtschaft, der erwähnten großen Workforce aufgebaut und darauf basierend eine Produktionswirtschaft etabliert werden.

Alle drei Sektoren der Wirtschaftsleistung sind unterentwickelt, d.h. gleichzeitig auch, dass alle Sektoren Chancen für Entwicklung bieten – in gewissem Maße zumindest.

3. Lohnt es sich, in Äthiopien zu investieren?

Tobias Dierke: Nein, denn die Korruption von lokalen Behörden bis zu nationalen Ämtern verhindert ein nachhaltiges Wirtschaften. Nicht selten sind ausländische und inländische Investoren und Unternehmer juristischer und behördlicher Willkür ausgesetzt und können sich auf kein sicheres Rechtssystem verlassen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind Investitionen in Äthiopien daher nicht ratsam. Zusätzlich empfehle ich, die ausländische Entwicklungshilfe für Äthiopien einzustellen oder wirksame Mechanismen zu entwickeln, die sicherstellen, dass a) ausländische Entwicklungshilfe tatsächlich bei der Bevölkerung ankommt und tatsächlich zum Aufbau nachhaltiger, funktionierender, zukunftsfähiger Wirtschaftskonzepte genutzt wird und b) ausländische und inländische Investitionen rechtssicher und verlässlich für Unternehmungen in Äthiopien verwendet werden können.

Großinvestoren können sich natürlich auch unter hohem Kapitaleinsatz in das Land einkaufen, durch Schmiergelder wichtige Amtsträger oder Behörden bestechen und anhand einer Kosten/Nutzen-Rechnung feststellen, ob ausreichende Profitchancen bestehen und das Land ausreichend ausgebeutet werden kann, um die Armut der Bevölkerung zugunsten einer korrupten Elite weiter zu sichern. Sollte der demokratische und menschenwürdige Weg vorgezogen werden: Sobald Äthiopien über eine stabile, demokratische oder zumindest nicht korrupte Regierung verfügt, kann ganz klar investiert werden. Ansätze für erfolgreiche Projekte gibt es genug. Und nicht zuletzt trägt der Aufbau der Wirtschaft auch zur Demokratisierung, Bildung und Liberalisierung des Landes bei. Aktuell ist das Risiko jedoch groß für Einzelinvestoren, die nicht auf illegale oder ausbeuterische Weise in Äthiopien Profit machen wollen oder wie im Falle chinesischer Investoren, auch ihr Land hinter sich wissen, um Betrug und Willkür vorzubeugen.

Tabea Lessing: Ja, denn das Land beherbergt unglaublich viele junge und dynamische Arbeitskräfte. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Billiglohnland, sodass die Produktionskosten extrem gering gehalten werden können. Wenn man den moralischen Aspekt der „Ausbeutung von Arbeitskräften“, wie viele Deutsche es nennen würden, außer Acht lässt, braucht Äthiopien gerade diese Investitionen und Kapital, das technische Wisssen  und die neuen Arbeitsplätze für eine weitere Entwicklung der Wirtschaft. Erst vor ein paar Monaten wurde das große Projekt einer Eisenbahnlinie von der Hauptstadt Addis Abeba nach Dschibuti am Roten Meer fertiggestellt. Finanziert wurde es von der chinesische Exim-Bank und gebaut von zwei chinesischen Firmen. Die 750 Kilometer lange Strecke kann nun viel schneller zurück gelegt werden als mit dem Auto über all die Schlaglöcher der verstopften Straßen. Die neue Bahnstrecke soll vor allem helfen, die Wirtschaft anzukurbeln, birgt aber auch die Gefahr, dass dringende Wirtschaftsreformen angesichts von prestigeträchtigen Großprojekten vergessen werden. Durch diese neuen Investitionen in die Infrastruktur des Landes wird es immer ansprechender für ausländische Unternehmer, in Äthiopien Fuß zu fassen.

Neben dem Abschöpfen der Arbeitskraft für Produktion ist auch die bereits erwähnte Touristikbranche ein Feld der Chancen: Für Kulturliebhaber ist das alte Kaiserreich Abessinien ein wahrer Schatz. Die mehr als achthundert Jahre alten Felsenkirchen von Lalibela im Norden des Landes werden nicht umsonst als achtes Weltwunder bezeichnet und gehören zu den größten Heiligtümern des Christentums. Das nördliche Gebirge hingegen ist ideal für Abenteuerurlauber.  Es ist eins der wenigen Gebiete auf unserem Planeten, das fast gänzlich unerforscht ist. Es leben kaum Menschen in diesen wunderschönen naturbelassenen Bergen, was eine ungeheure Faszination auf Individualtouristen abseits des Billigtourismus ausübt und auch Gäste im hochpreisigen Reisesektor begeistern könnte.

Um jedoch die für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung alles entscheidenden Investitionen anzulocken, braucht jedes Land politische Stabilität und ein verlässliches Investitionsklima. Äthiopien hat hier noch viel nachzuholen und dennoch bietet das Land schon jetzt für risikobewusste und abenteuerfreudige Investoren eine Fülle an Möglichkeiten.

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